Sonntag, 13. Januar 2013

Interview mit Oliver Fehn, Autor von "Die Klavierbrücke" und "Keiner will mehr nach San Francisco"


Oliver Fehn stand mir netterweise für ein Interview zur Verfügung:

1. Wie kamst du zum Schreiben?
Es gab zwei Dinge, die schon immer meine große Liebe waren: Sprache, also Bücher, und Musik. Darum war es auch immer mein größter Ehrgeiz, Geschichten zu schreiben, die nicht nur Text haben, sondern auch Melodie.

2. Wie sieht dein Tagesablauf aus?
Inzwischen recht diszipliniert. Ich stehe gegen Mittag auf, arbeite ca. 6 Stunden an meinen Übersetzungen, widme mich dann den Menschen, die mir wichtig sind, dann gehe ich wieder schlafen. Ganz im Gegensatz zu früher: Da habe ich ein richtiges Bohème-Leben geführt.

3. "Die Klavierbrücke" ist ein besonderer Krimi, der aus der Masse der Bücher herausragt. 
      Wie kamst du auf diese Geschichte?
Vieles darin ist wirklich passiert. Früher waren fast alle meine Storys pure Erfindung; heute orientiere ich mich immer mehr an Erlebtem, wirklich Geschehenem. Ich betrachte es als meine ganz persönliche Kunstform.

4. Wie entsteht bei dir aus einer Idee eine Geschichte?
Indem ich Episoden oder Dinge, die mir begegnen, einfach in Gedanken weiterspinne. Das Leben ist so voll mit Möglichkeiten.

5. Der Erzähler in "Die Klavierbrücke" hat einen Teil seines Lebens in Amerika verbracht. 
    Was verbindet dich mit Amerika, was fasziniert dich an diesem Land?
Meine US-amerikanischen Wurzeln, und die Tatsache, dass ich tatsächlich eine Zeit lang in New York gelebt habe. Amerikaner sind sehr emotionale Menschen, die deutsche Mentalität ist bei aller Liebenswürdigkeit doch ziemlich karg. Das zeigt sich auch in der Kunst wie Romanen oder Filmen.

6. Was hast du mit dem Jungen aus "Die Klavierbrücke" gemeinsam?
Er ist gewissermaßen eine Art „Alter ego“ von mir, aber er ist trotzdem nicht die Hauptfigur des Romans – das sind Lissi, Mom, Wolfi und all die anderen. Der Junge ist viel mehr Beobachter als Teilnehmer.

7. Du hast Theologie und Religionswissenschaften studiert. Zu welcher Erkenntnis kamst du in 
   Bezug auf Glauben und Religion?
Vor allem zu einer: Jeder von uns, sogar jedes Kind hat ein paar nützliche Wahrheiten zu verkünden, aber jeder, der sich wissend nennt, ist in Wirklichkeit nur damit beschäftigt, die Trümmer seines eigenen Lebens zu entsorgen.

8. Hast du einen Autor als Vorbild? Was würdest du ihn fragen, wenn du ihn persönlich treffen
    dürftest?
Ich habe keine Vorbilder, da sie immer vom eigenen Weg ablenken. Der Himmel hat uns als Unikate erschaffen.

9. Dein neuestes Buch mit dem Titel "Keiner will mehr nach San Francisco" erscheint in den 
    nächsten Tagen. Magst du uns etwas zu diesem Buch erzählen?
Es enthält neue und alte Texte aus etwa 35 Jahren; insofern spiegelt es natürlich eine gewisse Entwicklung wider: Es gibt eine Zeit zum Glücklichsein, und es gibt eine Zeit zum Glücklichmachen. Oder wie Rilke sagt: „Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht, wird ewig warten und sich nie besitzen.“ In diesem Satz steckt fast alles, was man wissen muss.
Es wird auch für lange Zeit mein letztes eigenes Buch bleiben – ich habe der Schriftstellerei bis auf weiteres Adieu gesagt, um mich Menschen und Dingen in meinem Leben zuzuwenden, die im Moment eindeutig Vorrang haben. Es wird, wie ich finde, sowieso zu viel geschrieben.

10. Du hast also kein neues Projekt in Planung?
Nein, dazu muss man eine Geschichte zu erzählen haben. Etwas in sich spüren, dass sich seinen Weg nach außen bahnen will. Und ich bin kein sehr mitteilungsbedürftiger Mensch.

Vielen Dank, lieber Oliver und alles Gute!

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