Samstag, 15. Juni 2013

Autoreninterview mit Stefanie Maucher, Autorin von "Fida"

1. Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Vor ein paar Jahren machte meine Familie eine schwere Zeit durch. Mein Lebensgefährte hatte einen Unfall und befand sich längere Zeit im Krankenhaus. Unterdessen brauchte ich dringend eine Beschäftigung, um zu Hause nicht durchzudrehen. Ohne die wirkliche Intention, ein Buch zu schreiben tippte ich los und stellte fest: Das macht großen Spaß und Geschichten fallen mir von ganz allein ein. Aus diesem eher zufälligen Schreibversuch entstand mein erster Roman, der aus dem ziemlich absurden und sogar witzigen Leben eines überzeugten Kannibalen berichtet. Als ich „Franklin Gothic Medium“ beendet hatte, begann ich mich erstmals bei Verlagen umzusehen und schrieb schließlich ganz gezielt etwas, für eine Ausschreibung auf der Droemer/Knaur-Plattform neobooks. Mit meiner Kurzgeschichte „Ferropolis“ landete ich dort meinen ersten „Treffer“ in einem urbanen Krimiwettbewerb, bekam erste Verlagsangebote und blieb danach einfach dabei.

2. Wie sieht dein Tagesablauf aus? Hast du eine bestimmte „Schreibzeit“?
Manch hart arbeitender Mensch wird mich für meinen Tagesablauf bestimmt hassen. Meine Kinder sind mit 13 und 15 Jahren alt genug, um selbst aus den Federn zu kriechen und ich nehme mir die Freiheit, meist bis zum späten Vormittag zu schlafen. Dann starte ich langsam in den Tag, sehe nach meinen Emails, schaue auf den gängigen Social-Media-Seiten vorbei und trinke Kaffee. Ich erledige anfallende Arbeiten, wie das Beantworten eingegangener Mails, während ich gemütlich wach werde und dann irgendwann mein Manuskript aufklappe. Andere Teile des Tages verbringe ich mit einkaufen, kochen, den üblichen Dingen, die im Haushalt so anfallen. Wenn ich im Sommer Korrekturlesen muss, packe ich die Arbeit auch gern auf den Reader und lege mich damit an den See. Manchmal bin ich ziemlich undiszipliniert und fällt es mir schwer, mich selbst zur Eile anzutreiben - außer ich habe eine Timeline beim Verlag, an die ich mich halten muss. Dann kommt das Arbeitstier in mir durch.
Schreiben fällt mir nachts am Leichtesten. Wenn alles ruhig ist und alle um mich herum schlafen. Wenn ich allein bin. Ich klappe mein Manuskript oft erst abends auf, nach 22h, wenn die Kids schlafen und komme in solchen Nächten nicht vor drei oder vier Uhr nachts ins Bett.

3. Welche Tipps würdest du angehenden Schriftstellern geben?
Hm, vielleicht den, in erster Linie immer für sich selbst zu schreiben, kontinuierlich an „der eigenen Schreibe“ zu arbeiten und sich erst zufrieden zu geben, wenn man selbst das Gefühl hat, die Geschichte ist rund und stimmig. Vorher noch gar nicht an eine Veröffentlichung denken. Wenn die Geschichte selbst beim Autor noch nicht richtig zündet oder ihn selbst nicht ganz überzeugt, dann ist sie noch nicht publikumsreif. Ich würde dazu raten, sofern man kein Lektorat hat, sich interessierte Testleser zu suchen, die einem helfen, eventuelle Schwächen des Textes noch vor der Veröffentlichung zu erkennen. Und nicht zuletzt würde ich immer zu einer möglichst sorgfältigen Rechtschreibkorrektur raten.

4. Wie ist die Idee zu den Figuren in „Fida“ entstanden?
Tatjana, die Mutter die mit ihren Suchplakaten die Straße entlang geht, war die Erste, die mir einfiel. Ich schrieb eine Drei-Seiten-Kurzgeschichte zu einem Bild eines Hamburger Fotografen. Ein Gestrüpp, mit Brennnesseln und ein wenig Schnur, die sich darin verfangen hatte, war darauf zu sehen. Die Story sollte ursprünglich in einem Bildband landen. Sie hatte, abgesehen von einem bitterbösen Mittelteil, alle Elemente, die sich nun im ersten Kapitel finden. Diese drei Seiten, bzw. diese tragische Figur, übten eine unheimliche Sogwirkung auf mich aus. Ich wollte mehr über sie schreiben und hatte das Gefühl: Das gibt viel mehr her! Die Geschichte in groben Zügen hatte ich dann sehr schnell im Kopf und begann damit, ein „Rohmanuskript“ zu schreiben. Die Feinheiten ergeben sich bei mir dann während der Arbeit.

5. Woher nimmst du allgemein deine Ideen?
In meine Bücher fließt meistens mehr ein, als nur eine Idee. Manchmal habe ich kleine Ideen, die für sich noch keine Story ergeben. Oft dauert es, wenn ich ein Buch beendet habe, mehrere Wochen, bis ich mir so halbwegs im Klaren darüber bin, was ich als Nächstes schreiben möchte. Ein Großteil der Arbeit läuft bei mir vorab im Kopf ab. Das ist wie ein abstraktes Ideen-Puzzle. Aus Bruchstücken, verschiedenen großen und kleinen Einfällen, formt sich allmählich ein großes Ganzes und irgendwann erreiche ich einen Punkt, da erscheint mir dann alles ziemlich klar. Ich habe dann eine „Mind-Map“, der ich mühelos und mit großem Spaß folgen kann. Selten überrascht mich eine Story so spontan wie Fida.

6. Wie gehst du bei den Recherchen vor?
Kommt drauf an, was ich recherchiere. Die meisten Informationen, die man braucht, findet man im Internet. Kalte Berechnung zum Beispiel spielt in Ferropolis. Das ist ein Industriemuseum mit gigantischen Bergbaumaschinen, auf einer künstlich angelegten Halbinsel in einem ehemaligen Tagebaugebiet. Dort finden im Sommer auch Open-Air-Konzerte statt. Ich schicke den Leser darin im Kopf der Protagonistin auf ein ganz besonderes Date. Die Location habe ich selbst noch nie gesehen. Aber auch jene Leser, die sich dort auskennen, werden von meinen Beschreibungen nicht enttäuscht. Ich arbeitete mit Luftbildern und könnte, sollte die Schreiberei floppen, sicher Touristenführerin dort werden. So viel weiß ich über diesen Ort.
Bei Fida waren solche Recherchen nicht nötig. Fida spielt in einer Kleinstadt, die bewusst unbenannt blieb. Fida könnte in der eigenen Nachbarschaft oder drei Städte weiter spielen.
Es gibt aber auch Ausnahmen und Fragen, auf die das Internet keine allzu genauen Antworten liefert. Wenn es sich dabei um ermittlungstechnische Details handelt, z.B. in Bezug auf die tatsächlichen Möglichkeiten bei Fahndungen und Abläufe bei der Polizeiarbeit, dann bediene ich mich eines Insiders. Ein alter Freund von mir ist Kommissar bei der Kripo und bei brennenden Fragen belästige ich ihn telefonisch.

7. Welche/n Schriftsteller/in würdest du gerne einmal treffen und was würdest du sie/ihn fragen?
Ich bin bekennender Fan von Mark Z. Danielewski und verliebt in sein „House of Leaves“. Ein ungewöhnliches Buch, anders zu lesen, als andere. Er spielt mit der Typographie, Fußnoten, Perspektiven, erzählt eine unglaubliche, intensive Geschichte, mehrere eigentlich, in äußerst extravaganter Form. Sein Nachfolgewerk ist ganz anders, aber nicht weniger aufregend. Vermutlich würde ich ihn mit unzähligen Fragen bestürmen; zu seinen Büchern, seinen Ideen, seiner Arbeitsweise und zum schlicht brillanten Geist.

8. Was machst du, wenn du nicht schreibst?
Ich lungere viel im Web rum, betreibe einen Großteil der Werbung für mein Buch selbst und bin präsent und ansprechbar für meine Leser. Abgesehen davon habe ich aber auch ein ganz normales, reales Leben. Ich habe zwei Töchter, einen Lebensgefährten und ein paar Katzen. Ich kaufe ein, koche für die Familie, erledige täglich Anfallendes, wie jeder andere Mensch auch. Ich lese gern, male, bin gern draußen, wenn die Sonne scheint, interessiere mich für Filme, Bücher und habe aus Langeweile sogar schon einen Töpferkurs besucht. Reisen würde ich gern, viel mehr als es mir finanziell möglich ist.

9 Wie beurteilst du den eBook Markt?
Beurteilen aufgrund welcher Kriterien? Ich persönlich sehe das Ebook als nette Ergänzung zum herkömmlichen Buch. Eine Erweiterung des bisherigen Angebots. Heutzutage keinen Reader zu haben erscheint mir rückständig. Ich lese gern und viel und meine Lieblingsbücher möchte ich nach wie vor gedruckt im Schrank stehen haben. Aber ich brauche nicht alles in Printform. Bei manchen Büchern reicht mir das eBook völlig, denn in erster Linie geht es mir um den Inhalt, nicht darum, in welcher Form er daherkommt. Manchmal will ich ein Buch gleich kaufen, nicht erst wenn ich das nächste Mal in eine Buchhandlung komme oder die Post wieder liefert. Elektronisch komme ich auch an Wochenenden und Feiertagen innerhalb weniger Klicks zum gewünschten Buch und kann gleich los lesen. Und manche Bücher, die mich interessieren, gibt es sogar nur als in elektronischer Form. Für mich ist das ein toller, neuer Markt, auf dem man nur, so man selbst schreibt, verdammt achtgeben muss, nicht in der Masse unterzugehen.

10. Kontakt zu den Lesern über FB, Homepage, Twitter und sozial Media. Wie wichtig ist dir der Kontakt zu deinen Lesern?
Sehr wichtig. Wenn man noch nicht so irre bekannt ist, dann lebt ein Buch tatsächlich von der Begeisterung der Leser und der Mundpropaganda, die sie betreiben, wenn man sie wirklich vom Hocker reißen konnte. Durch den direkten Kontakt wecke ich dafür auch ein Bewusstsein und meine Leser merken, dass ich wirklich zu schätzen weiß, was sie für mich tun, wenn sie mich ihrer besten Freundin weiterempfehlen, die ebenfalls gerne liest, oder mein Buch auf ihrer Webseite teilen. Außerdem finde ich ganz klar interessant, was andere über meine Bücher denken. Und ich glaube, umgekehrt wissen die Leser auch zu schätzen, dass ich greifbar bin und antworte, wenn man sich an mich wendet. Mancher, der meine Bücher gelesen hat, fragt sich hinterher, was für ein Mensch sich solche Geschichten ausdenkt. Die sozialen Medien machen es möglich, auch einen Blick auf die Person hinter dem Buch zu werfen – die nicht halb so erschreckend ist, wie das Buch selbst.

11. Bist du zufrieden mit den Rückmeldungen, die zu deinen Büchern von den Lesern kommen?
Hierauf mit „Nein“ zu antworten wäre regelrecht unverschämt! Ich bekomme sehr viel Feedback von meinen Lesern. Wenn ich selbst so von meinem Buch schwärmen würde, wie viele meiner Leser es tun, würde man mich für fürchterlich arrogant und hochnäsig halten. Da ist so viel Lob und Anerkennung dabei – das geht natürlich runter wie Öl. Und es bestärkt darin weiterzuschreiben, weil es einfach riesigen Spaß macht und aufbaut, wenn man merkt: Das, was man schreibt, gefällt den Leuten.

12. Wie gehst du mit Kritik zu deinen Geschichten um?
Ein Sprichwort sagt: „Über Geschmack kann man nicht streiten!“ Wenn die Kritik konstruktiv ist, z.B. noch während der Arbeit von meinen Testlesern kommend, weiß ich sie sehr zu schätzen und freue mich darüber. Immerhin kann ich sie nutzen, mein Buch noch vor der Veröffentlichung zu verbessern. Kritik nach der VÖ sieht man natürlich weit weniger gern. Aber damit leben muss man. Meist bedanke ich mich auch bei einer schlechten Kritik für das grundlegende Interesse, das meinem Buch entgegengebracht wurde. Manchmal bin ich aber auch kurz davor, ausfällig zu werden. Eine Rezensentin unterstellte mir beispielsweise, meine guten Rezensionen wären käuflich erworben, weil ihr das Buch eben nicht gefiel. So etwas empfinde ich dann schon als unverschämt und muss mich zurückhalten, um meinerseits nicht wortgewaltig über sie herzufallen. Bisher war glücklicherweise nichts dabei, was mich da die Kontrolle über mich selbst verlieren ließ.

13. In welchem Genre werden wir keine Geschichte von dir lesen können?
Chick-Lit wäre da ein gutes Beispiel. Oder Arzt- und Heimatromane. :D Abstecher zur humorvollen Science-Fiction im Stil von Douglas Adams oder Terry Pratchett mache ich manchmal, mehr zum Spaß für mich selbst, als tatsächlich für die Leser. Thriller und Horrorgeschichten sind eindeutig das, was ich schreiben möchte und in diesen Bereichen wird man noch Einiges von mir hören.

14. Welches Buch/eBook liest du denn gerade und wie gefällt es dir?
Ich habe gerade den „Übergang“ von Justin Cronin nochmals überflogen, um die Story wieder aufzufrischen. Nun lese ich den zweiten Teil der
Trilogie: Die Zwölf. Ich mag Dystopien und diese gefällt mir ziemlich gut. Ich lese aber ziemlich schnell. Obwohl das Buch ein ziemlicher Wälzer ist, würde meine Antwort nächste Woche vermutlich schon wieder ganz anders lauten.

15. Magst du uns etwas über dein aktuelles Projekt erzählen?
Na klar, gerne! Haben wir noch so viel Platz? :D
Momentan schreibe ich an der Geschichte einer Frau, die nach einer fürchterlichen Ehe, ein neues Leben beginnt – fernab der alten Heimat. Zur Abwechslung werde ich das Thema „Häusliche Gewalt“ angehen und in Rückblenden die Geschichte ihrer Ehe erzählen. In der eigentlich aktuell stattfindenden Handlung, tritt sie eine ungewöhnliche Vollzeitstelle an, mit der sie sich nicht nur finanziell über Wasser hält, sondern einen Lebenstraum erfüllt. Sie wird zur Ersatzmutter für ein paar Kinder, die von einem alternden, aber sehr wohlhabenden schottischen Paar adoptiert wurden. Nicht nur holt sie im Verlauf die eigene Vergangenheit wieder ein, sondern sie kommt auch dem Geheimnis ihrer Arbeitgeber auf die Spur. Da mischt sich dann ein wenig Mystery-Horror in die Geschichte, für die ich bereits die perfekte Location gefunden habe. Ein altes Tower-House auf einer Gezeiteninsel vor der schottischen Küste. Im Kopf steht die Geschichte schon, auf dem Papier bin ich noch ziemlich am Anfang.

Vielen Dank, liebe Stefanie, dass du meine Fragen beantwortet hast. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Büchern. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Rezension zu "Das Leuchten einer Sommernacht" von Ella Simon, Goldmann Verlag, Liebesroman

Titel: Das Leuchten einer Sommernacht Autorin: Ella Simon Seitenzahl: 400 Seiten (TB, Klappenbroschur,17.7.17) Isbn Nr. 13-978-3-442-4...